ArticleIDPicAddressSubjectDate
{ArticleID}
{Header}
{Subject}

{Comment}

 {StringDate}
 
 
 
 
 
 
 
ViewArticlePage
 
 
 
  • Islam und die Frage der Gewalt  
  • Sendtofriend
  •  
  •  
  • Islam und die Frage der Gewalt

    Seyyed Hossein Nasr

    Vol. XIII, No. 2

    Obwohl Gewalt in weiten Gebieten dieser Welt herrscht, welche von Irland bis dem Libanon und in den pazifischen Raum reichen und bei welcher viele Religionen, vom Christentum bis zum Hinduismus eine maßgebende Rolle spielen, verbindet die westliche Welt den Islam, mehr wie jede andere Religion mit dem Phänomen der Gewalt.

    Die muslimische Eroberung Spaniens, die Kreuzzüge – die nicht von Muslimen begonnen wurden -, die osmanische Dominanz in Osteuropa haben für eine geschichtliche Erinnerung gesorgt, welche den Islam mit Gewalt und Macht untrennbar in Verbindung bringt. Darüber hinaus haben die Umwälzungen im Nahen Osten der letzten Jahrzehnte, besonders jene Bewegungen, welche sich des Namens des Islams bedienten und versucht haben, die Probleme der Welt der Muslime zu lösen, welche durch Gründe und Bedingungen verursacht wurden, welche außerhalb ihrer Kontrolle lagen – nur die bereits herrschende Vorstellung verstärkt, dass der Islam auf irgendeine besondere Weise mit Gewaltausübung zu tun hätte.

    Um die Natur des Islams und die Wahrheit der Behauptung über seine Verknüpfung mit der Gewalt zu verstehen, ist es wesentlich, diese Frage sorgfältig zu analysieren und dabei in Erinnerung zu behalten, dass das Wort ISLAM selbst Frieden bedeutet, und dass die Geschichte des Islams gewiss nicht Zeugnis über mehr Gewalt ablegt, als dies der Fall mit irgend einer anderer Zivilisation ist, besonders der westlichen!

    Wir werden uns aber im Weiteren mit den Prinzipien und Idealen der islamischen Religion beschäftigen und weniger mit geschichtlichen Vorkommnissen und Fakten, welche zu Krisenfällen der Geschichte gehören und mit der Entwicklung des Islams auf dem weiten Feld menschlicher Geschichtsentfaltung verknüpft sind.

    Zuerst ist es nötig zu definieren, was wir mit Gewalt meinen. Es gibt mehrere lexikarische Definitionen, welche man in Betracht ziehen kann, wie „schnelle und intensive Kraft“, „rohe oder verletzende physische Kraft oder Handlung“, „ungerechte oder unberechtigte Kraftausübung im besonderen entgegen der Rechte anderer“, „rohe oder übertriebene Vehemenz“ und schließlich „Verletzung, welche aus der Entstellung einer Bedeutung oder Handlung resultiert“. Wenn diese Definitionen als gültig akzeptiert werden, dann kann die Frage gestellt werden, was der Islam mit diesen Definitionen zu tun hat?

    Was die „Kraftausübung“ betrifft, so steht ihr der Islam nicht vollständig ablehnend gegenüber, strebt aber vielmehr danach, diese im Lichte göttlicher Rechtleitung und göttlichem Gesetz (al-sharia) zu beherrschen. Wir leben in einer Welt, in welcher Gewalt einfach überall zu finden ist; in der Natur genauso wie innerhalb der menschlichen Gesellschaften und der menschlichen Seele selbst. Das Ziel des Islams ist es, einen Ausgleich innerhalb dieses Spannungsgeflechts der verschiedenen Kräfte zu erreichen. Das islamische Rechtskonzept ist mit der Vorstellung „Ausgleich“ eng verknüpft. Das arabische Wort für Gerechtigkeit (al-'adl) ist etymologisch mit dem Wort für Ausgleich (ta'adul) eng verwandt. Alle Gewalt, welche mit dem Ziel eingesetzt wird, ein verlorenes Gleichgewicht wieder herzustellen, wird gut geheißen, ist unvermeidbar und bedeutet schließlich Recht zu verwirklichen und aufrecht zu erhalten.

    Darüber hinaus bedeutete es, Gewalt in diesem Sinne nicht anzuwenden, jenen Kräften zum Opfer zu fallen, die nichts anderes vermögen, als Unausgeglichenheit und Unordnung zu vergrößern, um so in noch größerem Unrecht zu enden. Ob diese Anwendung der Gewalt nun schnell, intensiv oder sanft und mild geschieht, hängt von den Umständen ab, doch in allen Fällen darf Gewalt nur mit dem Ziel und der Absicht angewandt werden, Ausgleich und Übereinstimmung herzustellen und nicht persönlicher oder Gruppeninteressen wegen, die sich an persönlichem Vorteil oder dem einer bestimmten Gruppe orientieren und nicht am Wohlergehen aller.

    Durch die Annahme und Umarmung der “Welt” und durch das Nichtzurückweisen “dessen was Caesars” ist, nahm der Islam die Verantwortung für eine Welt auf, in welcher Gewalt allgegenwärtig ist.

    Auf gleicher Grundlage, beschränkte der Islam jede Art der Gewaltanwendung, trotz all der Kriege, Einfälle und Angriffe, die unter seinem Banner erfolgten. Der Islam war in der Lage, eine Atmosphäre des Friedens und der Beschaulichkeit zu schaffen, welche noch immer überall dort empfunden wird, wo die traditionelle islamische Welt überlebt. Der Friede, welcher den Gerichtshof einer Moschee beherrscht oder in einem Garten zu erleben ist, sei dies in Marrakesch oder Lahore, ist nicht Zufall, sondern das Ergebnis der Gewalt Kontrolle, mit dem Ziel eine Harmonie zu schaffen, die dem Ausgleich der Kräfte entspringt, seien diese Kräfte natürliche, soziale oder psychologische.

    Bezogen auf die Bedeutung „rohe oder verletzende physische Kraft oder Handlung“, so steht das islamische Recht aller solcher Gewaltanwendung entgegen, ausgenommen im Fall von Krieg und der Bestrafung Krimineller, in Übereinstimmung mit der shari’a. Selbst im Krieg ist es verboten Frauen und Kindern irgendeine Verletzung zuzufügen, wie auch Zivilisten Gewalt anzutun. Nur den Kämpfern am Schlachtfeld ist mit aller Kraft entgegen zu treten und nur gegen sie kann körperliche Gewalt angewandt werden. Verletzung außerhalb dieses Kontexts zuzufügen oder dem der Bestrafung Krimineller, gemäß den Anordnungen der shari’a und der Rechtsansicht eines Richters, ist durch das islamische Gesetz völlig verboten.

    Was Gewalt, im Sinne von „gesetzwidriger Gewaltanwendung gegen die Rechte und Gesetze anderer“ anlangt, so steht der Islam dieser strikte entgegen. Der Menschen Rechte sind durch das islamische Gesetz definiert und durch dieses Recht geschützt, welches nicht nur die Muslime, sondern auch die Befolger anderer Religionen umfasst, welche als „Volk der Schrift“ (ahl al kitab) geführt werden. Wenn es innerhalb der islamischen  Gesellschaft zu einer Verletzung dieser Rechte kommt, so nicht aufgrund islamischer Gesetzgebung, sondern wegen der Unvollkommenheit der Empfänger der göttlichen Botschaft. Kein Ort, keine Zugehörigkeit, keine Religion kann die Unvollkommenheit der Natur des „gefallenen Menschen“ vollständig neutralisieren. 

    Was aber bemerkenswert und außergewöhnlich ist, ist nicht, dass es einiges an solcher Gewalt in muslimischen Gesellschaften gibt, sondern, dass es trotz so vieler negativer sozialer und ökonomischer Faktoren, bedingt durch das Aufkommen des Kolonialismus, Überbevölkerung, Industrialisierung, Modernisierung, welche alle in kultureller Entwurzelung mündeten, weniger Gewalt und ungerechtfertigte Gewaltausübung gegen andere in den meisten muslimischen Ländern gibt, als dies im modernen Westen der Fall ist.

    Wenn man unter Gewalt „rohe oder übertriebene Vehemenz“ versteht, so steht der Islam auch dieser völlig entgegen. Die Sichtweise des Islams gründet auf Mäßigung und seine Sittlichkeit auf dem Prinzip der Vermeidung von Extremen und dem Einhalten der „goldenen Mitte“. Nichts ist islamischer Auffassung fremder als ungestüme Heftigkeit, geschweige denn übertriebene Kraftausübung. Selbst wenn Kraft eingesetzt wird, muss dies auf der Grundlage von Mäßigkeit und Zurückhaltung geschehen.

    Und letztendlich, wenn mit Gewalt gemeint ist „Verletzung, welche aus der Entstellung einer Bedeutung oder Handlung resultiert“, so steht der Islam dieser eindeutig entgegen. Islam gründet auf Wahrhaftigkeit, welche ihre Bewahrung und höchste Ausdrucksform im Glaubensbekenntnis la ilaha illa 'Llah (es gibt nichts Göttliches, denn Gott) findet. Jegliche Entstellung der Wahrheit ist gegen die grundlegenden Lehren des Islams, selbst wenn dadurch niemand berührt würde. Wie sehr wäre eine Verzerrung oder Entstellung gegen die Lehren des Qur’ans und der Gepflogenheit des Propheten, sollte dadurch eine Verletzung verursacht werden.

    Zusammenfassend muss betont werden, dass, weil der Islam die Ganzheit des Lebens umfasst und nicht unterscheidet zwischen dem Säkularen und Sakralem, sich mit Gewalt und Macht befasst, welche beide diese Welt an sich kennzeichnen. Doch begrenzt Islam die Gewalt, indem er deren Gebrauch für das Erreichen eines Ausgleichs und Eintracht kontrolliert und steuert.
    Er steht ihr entgegen, insofern sie einen Angriff sowohl auf die Rechte Gottes, wie der Seiner Geschöpfe darstellt, so wie dies durch göttliches Gesetz festgelegt ist. Das Ziel des Islam ist das Erreichen von Frieden. Doch dieser Frieden kann nur durch gewaltigen Krafteinsatz (jihad) erreicht werden und der Gebrauch von Gewalt beginnt mit der Disziplinierung des eigenen Selbst und führt dazu, in einer Welt gemäß dem Spruch der shari’a (des bekannten Pfades zur absoluten Quelle der Weisheit und Friedens – Gott) zu leben. Der Islam sucht den Menschen in die Lage zu versetzen, gemäß seiner theomorphen Natur (nach Gottes Gleichnis, Gestalten und Formen, Seinem schönen „Eben“-Maß) zu leben und nicht diese Natur zu zerstören.

    Islam duldet die Anwendung von Gewalt nur in jenem Ausmaß, um jener zentripetalen Kraft entgegen zu wirken, welche den Menschen sich von seiner inneren Wirklichkeit abwenden lässt.

    Gewaltanwendung kann nur insoweit geduldet werden, als die Vergewaltigung unserer eigenen menschlichen Natur und das Chaos, welches durch den Verlust der Ausgeglichenheit entstanden ist, dadurch ungeschehen gemacht werden kann. Doch solch ein Gebrauch von Gewalt ist in Wirklichkeit keine, wie üblich verstandene Gewaltanwendung. Es ist die Anstrengung menschlichen Willens sich in die Richtung der Übereinstimmung mit göttlichem Willen und der Unterordnung des eigenen Willens unter jenen Gottes zu bemühen.

    Aus dieser Unterordnung (taslim) erwächst Frieden (salam). Und durch diesen Islam, und nur durch diesen Islam kann die der menschlichen Natur eingeborene Gewalt des gefallenen Menschen und die Bestie in ihm unterworfen werden, sodass der Mensch in Frieden mit sich selbst und der Welt leben kann - weil er in Frieden mit Gott lebt.

    «Dem stillen Dialog verpflichtet»

    Rede Annemarie Schimmels anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1995

    Hochansehnliche Festversammlung, hochverehrter Herr Bundespräsident! Ich bin zutiefst dankbar für Ihre wegweisende Rede, durch die Sie mich geehrt haben und in der Sie die Wichtigkeit der Toleranz und des Verständnisses fremder Kulturen für unsere Politik so stark betont haben. Als ich mit großer Überraschung und Freude erfuhr, daß mir der Friedenspreis zugesprochen wurde, ahnte wohl niemand, daß sich in den darauffolgenden Monaten eine Kampagne von solcher Heftigkeit entwickelte, daß mir mein Lebenswerk, das ich der Verständigung zwischen Ost und West geweiht hatte, zerstört schien. Doch habe ich nicht auf den Preis verzichtet, weil ich mich den Orientalisten, die sich um den stillen Dialog bemühen, verpflichtet fühle, ebenso wie allen Menschen guten Willens in der islamischen Welt, und dem Werk der Verständigung, für das ich ein halbes Jahrhundert gelebt habe. Ich hoffe, daß diejenigen, die mich angegriffen haben, ohne mich oder mein Werk zu kennen, nie eine ähnliche Seelenqual zu durchleben brauchen. Ich habe dies gelernt; die Methoden von Wissenschaft und Dichtung sind eines, die des Journalismus und der Politik ein anderes. Doch beide Seiten sind sich einig, welch zentrale Rolle dem Wort, dem freien Wort in unserer Gesellschaft, in unserem Leben zukommt. Ich glaube, ich habe in den letzten Monaten oft genug gesagt, daß ich die unheilvolle Fatwa gegen Salman Rushdie ablehne und auf meine Art helfen werde, für die Freiheit des Wortes einzustehen, des Wortes, über dessen befreiende Rolle mein pakistanischer Dichterfreund Faiz in den fünfziger Jahren aus dem Gefängnis schrieb. Wir aber werden täglich durch die Massenmedien nicht unterrichtet, sondern unausweichlich eingebunden in ein Bild der Welt, das uns oftmals mit Schrecken, immer aber mit Sorgen erfüllt. Können wir überhaupt noch ein positives Verhältnis zu der islamischen Kultur haben, der wir so viel verdanken, die aber den meisten Europäern fremd erscheint und der immer wieder vorgehalten wird, sie habe keine Reformation, keine Aufklärung gehabt? Vergessen dabei die meisten nicht, daß die islamische Welt zwischen Westafrika und Indonesien höchst verschiedene kulturelle Ausdrucksformen hat, wenn sie auch im festen Glauben an Gott und in der Anerkennung Muhammads als des letzten Propheten eine gemeinsame Grundlage besitzt? Doch in einer Zeit der Informationsflut, in der Nachrichten uns plakativ überströmen, scheint es fast unmöglich, feiner zu differenzieren und die zarteren Zwischentöne, die positiven Aspekte des gelebten Islam zu erkennen. Ich habe Istanbul Winkel um Winkel durch die Gedichte kennengelernt, die türkische Dichter seit fünf Jahrhunderten über diese zauberhafte Stadt geschrieben haben; habe die Kultur Pakistans durch die Verse liebengelernt, die dort in allen Provinzen widerhallten. Damit berühren wir einen Punkt, der mir immer wichtiger erscheint, nämlich das Problem des liebevollen Verstehens fremder Kulturen, wenngleich das Wort ,Verstehen¹ heute mit dem Makel behaftet zu sein scheint, daß es einem kritiklosen Verzeihen gleichgesetzt wird. Echtes Verstehen erwächst aus der Kenntnis historischer Tatsachen und Entwicklungen; doch solche Kenntnis fehlt heute vielen. Manchmal dachte ich, wenn Friedrich Rückert heute lebte, hätte er den Friendenspreis des Deutschen Buchhandels verdient. Denn er, dessen Motto war „Weltpoesie allein ist Versöhnung" und der in seinem Leben Tausende von meisterhaften poetischen Übertragungen aus Dutzenden von Sprachen vefaßte, wußte daß die Poesie, jene 'Muttersprache des Menchengeschlechtes', die Völker verbindet als Bestandteil aller Kulturen. Die Zeit aber, da Rückert von der Poesie als Medium der Weltvesöhnung, und das auch des Friedens, sprach, hatte ein ganz anderes Verhältnis zur nicht-abendländischen Welt als wir. Mit Erstaunen und Entsetzen hatte das Abendland im 8. und 9. Jahrhundert die Eroberungen der Muslime im Mittelmeerraum verfolgt, hatte aber auch die Grundlagen der heutigen Naturwissenschaft von den Arabern über das jahrhundertelang von ihnen beherrschte Andalusien übernommen. Medezinische Werke wie die von Rhases und Avicenna galten bis zum Beginn der Neuzeit in Europa als Standardwerke; die Schriften des Averroes befruchteten theologische Diskussionen und wiesen den Weg zur Aufklärung. ... 'Der Mensch ist der Feind dessen, was er nicht kennt !' heißt es nicht nur im griechischen, sondern auch im arabischen Sprichwort. ... Denn es ist das Wort, das, wie die persischen Dichter immer wiederholen, durch seinen 'Duft' den Charakter des Sprechenden verrät, so wie ein mit Knoblauch gefüllter Mendelkuchen seinen Inhalt verrät, selbst wenn er äußerlich appetitlich aussieht. 'Ein gutes Wort ist wie ein guter Baum', heißt es im Koran (Sura 14, 24), und in den meisten Religionen gilt das Wort als schöpferische Macht und ist Träger der Offenbarung - sei es als fleischgewordenes Wort Gottes im Christentum, sei es als buchgewordenes Wort Gottes im Islam. Das Wort ist das dem Menschen anvertraute Gut, das er hüten soll und das er nicht, wie es so oft geschieht, abschwächen, verfälschen, zu Tode reden darf: denn es besitzt Kräfte, die wir nicht abschätzen können.... Ich neige dazu, Herders Worten beizustimmen: Aus der Poesie lernen wir Zeiten und Nationen gewiß tiefer kennen als aus dem täuschenden trostlosen Wege der politischen und Kriegsgeschichte. ... Die spätere Poesie der islamischen Völker ist weigehend geprägt von der Mystik. Aber man sollte nicht, wie es so oft geschieht, Mystik gleichsetzen mit Obskurantismus, mit Flucht vor der 'Realität' oder etwas, das für uns, die wir durch die Aufklärung gegagen sind, keinerlei Sinn und Wert mehr hat. Viele der großen mystischen Denker und Dichter waren Rebellen gegen das, was sie als Unrecht empfanden, gegen einen korrupten Staat, gegen haarspaltende Rechtsgelehrte, die wie der große Denker al-Ghazzali im 11. Jahrhundert in seiner Autobiographie schreibt, 'zwar alle Einzelheiten des Scheidungsrechtes kannten, aber nichts von der lebendigen Gegenwart Gottes wußten'.... Iqbal, der geistige Vater Pakistans, ist vielleicht das beste Beispiel für eine moderne Interpretation des Islams durch seine Poesie, die in den dreißiger Jahren in aller Munde war; denn nur durch das leicht zu memorierende Wort konnte man die weithin illiteraten Massen erreichen. Unter dem Einfluß Goethes und Rumis hat Iqbal einen dynamischen Islam zu postulieren versucht. Er wußte, daß der Mensch berufen ist, die Erde Gottes im Zusammenwirken mit dem Schöpfer zu verbessern, und daß er die niemals endenden Möglichkeiten, den Koran zu interpretieren, ausschöpfen müsse, um im Wechsel der Zeiten zu bestehen. Aber er lehrte auch, daß man bei aller Bewunderung für den und der selbstverständlichen Teilnahme am technologischen Fortschritt sich niemals einsetig auf den Intellekt verlassen dürfe. In einem zentralen Gedicht seiner 'Botschaft des Ostens' sagt er, daß 'Wissenschaft und Liebe', kritische Analyse und liebende Synthese, zusammenwirken müssen, um positive Werte für die Zukunft zu schaffen. ... Ich habe weder im Koran noch in der Traditionsliteratur irgend etwas gefunden, das Terrorismus oder Geiselnahme befehle oder auch nur gestatte. Die Goldene Regel ist ein wichtiger Bestandteil islamischer Ethik. Kein denkender Mensch wird terroristische Akte, in welchem Winkel der Erde und aus welcher Weltanschauung sie geschehen, gutheißen. Niemand wäre glücklicher als wir Orientalisten, wenn Todesurteile oder Gefängnisstrafen für Personen abweichender Meinung, für Kritiker abgeschafft würden. Man mag meinen, das Bild, das ich vom Islam zeichne, sei zu idealistisch, fern den harten Realitäten der Politik. Aber als Religionswissenschaftlerin habe ich gelernt, daß man Ideal mit Ideal vergleichen muß.... Mein Bild vom Islam ist entstanden nicht nur durch jahrzehntelange Beschäftigung mit den Erzeugnissen islamischer Literatur und Kunst, sondern mehr noch durch den Umgang mit muslimischen Freunden in aller Welt und aus allen Bevölkerungsschichten, die mich liebevoll in ihre Familien aufnahmen und mich mit ihrer Kultur vertraut machten.... Für mich sind es Menschen wie die Solinger Türkin Mevlude Genc, die trotz der schrecklichen Morde keinen Haß auf die Deutschen empfindet, welche jenen toleranten Islam verkörpern, den ich jahrzehntelang kennengelernt habe.... Mein Weg ist nicht der der öffentlichen Deklaration, er ist unspektakulär, aber ich vertraue darauf, 'daß das weiche Wasser in Bewegung mit der Zeit den harten Stein besiegt'. Die Worte, die der Herr Bundespräsident in seiner Laudatio gefunden hat, werden mich auf diesem Weg stärken. Und mit der Bitte um Kraft, zum Frieden beizutragen, danke ich zuerst und zuletzt dem, von dem Goethe im West Östlichen Divan sagt: Gottes ist der Orient,

    Gottes ist der Okzident,                                                                                                                                                      

    Nord und südliches Gelände

    liegt im Frieden seiner Hände.

    Er, der einzige Gerechte,

    will für jedermann das Rechte,

    Sei von seinen hundert Namen dieser hochgelobt. Amen.

    Der Islam als die Religion des Erbarmens

    Dr. M. Razavi Rad M.

    Wie allgemein bekannt ist, gehen durch Presse, Funk und Fernsehen und durch sämtliche Instrumente der Medien etliche Berichte des Schreckens und der Gewalt. Diese Berichte zeigen, wie der Mensch an seinem "Bruder Mensch" unbeschreibliche und grausame Gewalttaten verübt. Doch damit nicht genug, nein, er beschreibt seine Untaten auch noch als die Verteidigung der Werte, an die er zu glauben vorgibt. Das tut er und gebraucht Begriffe wie: Vaterlandsliebe, Patriotismus, Volkstum, Nationalstolz, Gesetzlichkeit und Rechtmäßigkeit. Er vergisst dabei, dass all diese Kunstausdrücke, wenngleich sie an dieser Stelle sicherlich eine Bedeutung tragen, ursprünglich dafür gemacht sind, den Menschen zu schützen und ihm Sicherheit und Stabilität zu geben.

    Zu den offensichtlichsten Problemen in der Zivilisation des zeitgenِssischen Menschen zählen mit Sicherheit die Gewissens und Gefühllosigkeit und die Unbarmherzigkeit. Und leider verliert der Mensch gerade mit dem Erbarmen die größte Seite seiner Menschlichkeit. Der Verlust von Mitleid und Erbarmen und das Auftreten von Gefühls und Gewissenlosigkeit aber sind natürliche Konsequenzen, die sich immer dort einstellen, wo man nicht mehr an ethische Werte, nicht mehr an einen Schِöpfer des Daseins und nicht mehr an einen Tag des Gerichts glaubt. Deshalb ist eine solche Not der Zivilisation auch nur dadurch zu beheben, dass die Menschen auf den Pfad der Tugend zurückkehren, indem sie wieder an ethische Werte und an Gott, Den Schِöpfer und Erbarmer aller Dinge, glauben.

    رَبَّنَا وَسِعْتَ كُلَّ شَيْءٍ رَحْمَةً وَعِلْمًا

    "O unser Herr, alles erfasst Du mit Erbarmen und Wissen."
    [Sure Gafir (40), Vers 7]

    Deutlich erkennen wir in dem, was die Propheten von der Offenbarung erhalten haben, dass der gewaltige Schöِpfer barmherzig mit den Menschen verfährt. So beschreibt sich Gott selbst als Allerbarmer, als immer und ewig Barmherziger. Jede Sure eröِffnet Er mit diesen beiden Seiner Namen: ar Rahman, ar Rahim (der Allerbarmer, der immer Barmherzige), um die göِttliche Eigenschaft des Sich-Erbarmens im Wesen des Menschen zu festigen, damit dieser in seinem Inneren spürt, dass er es mit einem Allerbarmer, einem immer Barmherzigen, einem Liebevollen und Gütigen zu tun hat. Und so beschreibt der heilige Koran auch den Boten Gottes, Seinen Gesandten Muhammad, als einen nachsichtigen, verzeihenden und mit den Menschen stets barmherzigen Menschen:

    لَقَدْ جَاءَكُمْ رَسُولٌ مِنْ أَنْفُسِكُمْ عَزِيزٌ عَلَيْهِ مَا عَنِتُّمْ حَرِيصٌ عَلَيْكُمْ بِالْمُؤْمِنِينَ رَؤُوفٌ رَح

    "Zu euch ist ein Gesandter von euch gekommen, den es stark bekümmert, wie bedrängt ihr seid, eifrig bedacht auf euch, mit den Gläubigen gütig und barmherzig."
    [Sure at-Tauba (9), Vers 128]

    وَمَا أَرْسَلْنَاكَ إلاَّ رَحْمَةً لِلْعَالَمِينَ

    "Und Wir sandten dich nur als Erbarmen für die Weltbewohner."
    [Sure al-Anbiya' (21), Vers 107]

    Der Prophet verköِrperte die Barmherzigkeit in seinem ganzen Handeln, seinem ganzen Leben und seiner ganzen Menschlichkeit. So sehr, dass ihn das Weinen eines Kindes berührte, während er im Gebet verweilte. So sehr, dass er um seine Feinde weinte und sie mit seiner Güte überhäufte und sogar mit den Tieren größtes Mitleid und Sorge empfand.

    So wie der Gesandte das Erbarmen in seinen Taten und Aussagen verköِrperte, so rief er auch seine Gemeinde zum Erbarmen auf und erzog sie mit solcher Sittlichkeit, um tief in ihnen ihr Mitgefühl und ihr Gewissen zu wecken. So lautet es in einer Überlieferung von ihm:

    "Nur einem Elendigen wird das Erbarmen entrissen."

    Er soll ebenfalls gesagt haben:

    "Gott erbarmt sich nur den barmherzigen Seiner Diener."

    Der Prophet verbot jede Art der Herzlosigkeit und Gewissenlosigkeit, indem er sagte:
    "Wahrlich, ein unbarmherziges Herz ist weit entfernt von Gott!"

    Dies alles aber ist schließlich der Aufruf zu mehr Barmherzigkeit, mehr Mitgefühl mit anderen, mehr Gewissenhaftigkeit und mehr Anteilnahme am Leid anderer. Es verköِrpert das Bewusstsein von der Einheit der Menschengattung und veranlasst den Menschen, sich gegenüber dem anderen so zu verhalten wie er sich wünscht, dass sich die anderen gegenüber ihm verhalten sollen. Wenn der Islam also das Erbarmen, die Güte und das Mitgefühl zum Fundament hat, dann ist es der Materialismus, der zu Herzlosigkeit, Feindseligkeit, Terror und Barbarei führt, und nicht der Islam.